Tongariro Alpine Crossing – Tongariro Northern Circuit

Während das Tongariro Alpine Crossing die bekannteste und beliebteste Ein-Tages-Wanderung der südlichen Hemisphäre ist, bei der man auf 19,4 Kilometern den Bergsattel zwischen den beiden Vulkanen Mount Tongariro und Mount Ngauruhoe überquert, haben wir uns für den 43 Kilometer langen Tongariro Northern Circuit entschieden. Diese, zu den Great Walks gehörende Wanderung, kann man an drei oder vier Tagen bewältigen und umrundet den Mount Ngauruhoe dabei vollständig. Wir entschieden uns für vier Tage und hatten die Schlafplätze in den Hütten schon lange vorher gebucht.

 

Tag 1

Am Vormittag des 1. Dezembers 2014 machten wir uns von Taupo Richtung Tongariro Nationalpark auf. Während Bene und ich es kaum erwarten konnten, endlich loszuwandern, hatte meine Mutter eher gemischte Gefühle und mein Vater war, wie gewohnt, schwer einzuschätzen. Wir stellten unser Auto im Zentrum vom Whakapapa Village ab und packten unsere Sachen. Jeder von uns war mit einem großen Wanderrucksack bepackt. Zusammen mit Schlafsack und Proviant kamen wir auf jeweils 10 bis 14 Kilogramm. Wir suchten noch ein letztes Mal Toiletten in der Zivilisation auf und marschierten los.

Es war ein wunderschöner Tag wie aus dem Bilderbuch: Die Sonne schien von einem tiefblauen Himmel warm auf uns herunter, eine leichte Brise wehte uns um die Nase. Während der ersten Stunde unserer Wanderung kamen uns immer wieder einzelne Wanderer entgegen, welche die kleine Wanderung zu den wirklich sehenswerten Taranaki Falls liefen. Diesen Rundweg kann man gemütlich an einem Nachmittag laufen ohne sich zu sehr in die Tiefen des Nationalparks zu wagen. In einem kleinen Wäldchen bogen wir vom gut gepflegten Weg ab und folgten den Schildern Richtung Mangatepopo Hut. Plötzlich wurde der Weg schmal, steil und matschig. Die erste Euphorie war verflogen. Als wir wieder aus dem Wald draußen waren, wurde es wieder besser und wir beschlossen auf einem Baumstumpf Mittagspause zu machen. Wir hatten Cracker, Salami und Scheiblettenkäse mit, eben alles was leicht ist und sich ungekühlt gut lagern lässt.

Von nun an ging es bis zu Hütte relativ flach auf einer Ebene entlang, immer die malerischen Berge im Blick: Mount Ngauruhoe lag majestätisch vor uns, sein kleiner Bruder Mount Tongariro links daneben und der Größter der drei Vulkane, Mount Ruapehu, verschwand hinter uns langsam hinter einer Kuppe. Wir trafen nur noch eine handvoll Menschen auf der kompletten Strecke. Ein paar junge, sportliche Wanderer überholten uns. Wir würden sie am Abend auf der Hütte wieder treffen. Die meiste Zeit konnte man gemütlich vor sich hinlaufen, doch an manchen Stellen war der Weg in einem wirklich sehr schlechten Zustand und wurde zunehmend anstrengender. Vom Regen unterspült wurden manche steilere Stellen zu beinahe unüberwindbaren Hindernissen. Meine Mutter und ich sind beide jeweils einmal im Matsch ausgerutscht, sodass unsere Hosen schon am ersten Tag aussahen als seien wir schon ewig unterwegs. Nach dreieinhalb Stunden konnte Bene, der uns immer einige Schritte voraus war, die Hütte endlich sehen und nach weiteren dreißig Minuten hatten wir unser Tagesziel erreicht: die Hütte Mangatepopo.

Die Hütte sah recht neu aus und hatte einen Aufenthaltsraum mit Gas-Kochern und Tischen. Rechts und links davon war jeweils ein Schlafraum mit jeweils 13 Betten. Wir waren früh dran und hatten noch relativ gute Auswahl für die Schlafplätze, sodass wir nicht oben in den Stockbetten einziehen mussten. An der Hütte waren zwei Ranger stationiert, ein Kiwi und ein Deutscher. Sie konnten einem Auskunft über Wetter und Strecke geben, kümmerten sich um den allgemeinen Zustand der Hütte und putzen die Toiletten. Die beiden Toiletten waren etwas außerhalb in einem separaten Häuschen. Es waren Plumpsklos und entgegen aller Berichte gab es sogar Toilettenpapier. Vor der Hütte wurden später auch noch einige Zelte von Wanderern aufgestellt. Für Wasser zum Kochen oder Zähneputzen gab es hinter der Hütte zwei große Tanks, die mit Regenwasser von Dach gespeist wurden. Ein Schild riet einem alles Wasser abzukochen, aber der Ranger meinte, dass das eigentlich nicht nötig sei. Noch bevor es dunkel wurde, kochten wir unsere Nudeln und machten zwei Dosen Tomatensoße mit Gemüsestückchen auf. Die schweren Dosen sollten zuerst gegessen werden. Als wir uns zum Essen hinsetzten, trafen nach und nach die anderen Wanderer ein. Manche kamen, wie wir, von Whakakpapa Village. Andere machten die Wanderung andersrum und hatten den schwersten Tag, das Tongariro Alpine Crossing, schon hinter sich, welches uns am nächsten Tag bevorstand. Sie hatten interessante Geschichten zu erzählen, von steilen Aufstiegen und rutschigem Geröll. Meiner Mutter wurde ganz anders beim Zuhören.

Tongariro Alpine Crossing - Tongariro Northern Circuit

Als die Sonne unterging, färbten sich die Berge in den schönsten Rottönen, die ich je gesehen habe. In der Ferne konnte man sogar Mount Taranaki erkennen. Nachdem es dunkel war, kamen die Sterne raus. In der Einsamkeit war es so dunkel, dass man sogar die Milchstraße sehen konnte. Die Hütte hatte zum Glück Licht, sodass wir noch etwas wach bleiben konnten. Vor Aufregung und Vorfreude auf den nächsten Tag, hätten wie sowieso nicht schlafen können.

Tongariro Alpine Crossing - Tongariro Northern Circuit

Tag 2

Mit den ersten Sonnenstrahlen wachten wir am nächsten Morgen auf. Manche in unserem Zimmer waren schon losgegangen, andere packten gerade zusammen als wir uns gerade erst zum Frühstück hinsetzten. Es gab Müsli und Porridge mit Milch, die wir aus Milchpulver angerührt hatten. Dazu Kaffee aus löslichem Kaffeepulver, Milchpulver und Zucker(pulver) – hmmm… lecker! Bis wir unsere Sachen gepackt hatten und die Morgentoilette abgeschlossen war, waren wir die Letzten auf der Hütte. Alle anderen waren schon losgelaufen und auch die beiden Ranger waren verschwunden.

Schon nach wenigen Schritten erreichten wir wieder den diesmal sehr gut gepflegten, geschotterten Weg. Doch schon beim ersten Blick traf uns beinahe der Schlag: Menschen über Menschen, hunderte von Leuten marschierten im Gänsemarsch den Weg entlang. In der Ferne sah es aus wie eine Ameisenstraße. Wo kamen die denn plötzlich alle her? War es doch gestern hier so einsam. Sie gingen alle den eintägigen Tongariro Alpine Crossing und waren alle deutlich schneller unterwegs als wir, hatten sie ja keine oder nur kleine Rucksäcke dabei. Auf dem schmalen Holzbohlenweg wurden wir schnell zum Verkehrshindernis und mussten immer wieder stehen bleiben, um die Massen vorbeizulassen. Es blieb kaum Zeit die faszinierende Berglandschaft zu genießen, so stressig ging es zu. Bis zu den Soda Springs führte der Weg an einem kleinen Bach entlang und ging nur langsam bergauf.

Die Soda Springs sind malerische Quellen mit einem Wasserfall, aber viel wichtiger ist, dass es hier die letzten Plumpsklos vor der Hütte am Abend gab. Wir trafen unsere Ranger wieder, die gerade mit dem Putzen der Toiletten beschäftigt waren. Wir machten eine kleine Pause und ließen die Menschenströme an uns vorbei ziehen. Gestärkt machten wir uns auf in den Kampf gegen den Berg.

Knapp 700 Höhenmeter gab es zu überwinden. Der Weg stieg stetig an und wurde zeitweise recht steil. Dann ging er in unzählige Treppenstufen über. Bene war uns anderen weit voraus. Wir kämpften um jede Stufe und machten alle 20 Meter eine Verschnaufpause, wobei uns wieder etliche Wanderer überholten. Nach über einer Stunde war die schlimmste Strecke überstanden und wir kamen endlich an ein flacheres Stück, den South Crater. Wenn man gewollte hätte, hätte man von hier aus den Gipfel des Mount Ngauruhoe erklimmen können. Oben angekommen hätte man dann, genau wie in der Film-Triologie Herr der Ringe, den einen Ring in den Krater des „Schicksalsbergs“ werfen können. Um unsere Kräfte zu schonen, haben wir das aber nicht gemacht. Am Ende des Kraters kamen wir dann an das wirklich schlimmste Stück der Etappe. Es war eng, steil und unheimlich stürmisch. Wir zogen unsere wärmsten Jacken an und holten die Handschuhe raus. An einer Stelle war eine Kette angebracht, an der man sich einzeln und nacheinander um einen Felsen hangeln musste und auch die entgegen kommenden Wanderer immer wieder durchlassen musste. Dadurch bildete sich ein kleiner Stau. Während dieser willkommenen Pause musste ich mich über die Tagestouristen wundern. Manche von ihnen waren nur in kurze Hosen und T-Shirts gekleidet. Und einer war sogar in Flip-Flops unterwegs.

Tongariro Alpine Crossing - Tongariro Northern Circuit

An den schattigen Stellen lag noch Schnee und der Pfad war teilweise glatt und eisig. Als wir endlich am Red Crater auf 1.886m angekommen waren, wurden wir mit unbeschreiblichen Ausblicken belohnt. Während wir verschnauften, nutzten andere die Gelegenheit und bauten einen Schneemann.Kurz darauf wollten wir weiter zu den Emerald Lakes. Der kurze Abstieg war unheimlich steil und mit jedem Schritt auf das Geröll rutschte man noch mal genauso weit hinunter. Das musste die Stelle sein, von der uns am Vortag erzählt wurde. Zudem war rechts und links nicht viel Platz, sodass mir ganz Bange wurde. Ich erklärte schließlich dieses Stück als den schlimmsten Abschnitt des Tages. An den Emerald Lakes trafen wir endlich Bene wieder, dem wir schon vor langer Zeit zu langsam waren und der einen Umweg zum Gipfel des Mount Tongariro gemacht hatte. Wir setzen uns zur Mittagspause ans Ufer des Sees und blieben ab jetzt wieder zusammen.

Tongariro Alpine Crossing - Tongariro Northern Circuit

Nach den Emerald Lakes gingen die Tagestouristen des Tongariro Alpine Crossing nach links weiter. Wir bogen nach rechts Richtung Oturere Hut ab. Ich konnte es gar nicht erwarten, die Menschenmassen hinter uns zu lassen und endlich wieder alleine zu sein. Der Abstieg nach „Mordor“ war steil aber gut befestigt. Schilder warnten vor vulkanischen Aktivitäten und aus einem Loch rauchte es kräftig heraus. Unten angekommen, erwartete uns eine vollkommen andere Landschaft. Kleine goldene Sträucher wuchsen um große rotbraune Felsbrocken herum, die einer der Vulkane vor langer Zeit ausgespuckt haben musste.

Tongariro Alpine Crossing - Tongariro Northern Circuit

Nach knapp sieben Stunden erspähte Bene endlich die Hütte. Die Oturere Hut war deutlich älter als die vorherige. Die Hälfte der Betten war nicht in einem abgetrennten Raum, sondern direkt im Hauptraum untergebracht, welcher deutlich kleiner war, als in der vorherigen Hütte. Da wir spät dran waren, mussten wir uns die Betten im Hauptraum mit einer kleinen Schulklasse teilen. Sie wanderten zum Glück in die entgegengesetzte Richtung, sodass wir sie nur in dieser Nacht trafen.

Der Ranger kam erst am Abend, um die Wettervorhersage vorzulesen und uns zu erklären, was man bei einem Vulkanausbruch machen soll: Sich hinter einem Felsen verstecken oder wegrennen, dabei aber immer den Vulkan im Blick behalten und den fliegenden Trümmern ausweichen. Er meinte auch noch, dass es in der Nähe der Hütte einen Wasserfall gäbe, unter dem man duschen könne. Der Weg dorthin war aber unwegsam und steil, sodass es nur Bene bis zur „Dusche“ geschafft hatte. Ein Pärchen in der Hütte, die wir jeden Abend wieder trafen, faszinierte mich. Während wir uns mit Nudeln, Reis und Tütensuppen durchschlugen, fingen die beiden immer an ausgedehnt zu Kochen. Der Mann schälte und schnitt Gemüse ohne Schneidebrett einfach in der Luft und sie bereitete daraus echt aufwendige Gerichte.

Tag 3

Der dritte Tag sollte wieder erholsamer sein als der vorherige, sodass wir uns am Morgen Zeit gelassen hatten. Die meisten waren schon losgegangen bis wir endlich die Hütte verließen. Relativ flach ging es über eine wenig bewachsene Ebene. Der Weg war nur mit Stecken markiert. Zwischendurch wurde es sehr windig, aber sobald der Wind aufhörte, war es wieder heiß. Schließlich kamen wir in einem kleinen Wald, wo es leider wieder mehr bergauf ging.

Tongariro Alpine Crossing - Tongariro Northern Circuit

Der Wald stellte sich als doch nicht so klein heraus und am Ende des Waldes erreichten wir nach drei Stunden die Waihohonu Hut. Diese wurde erst ein paar Jahre zuvor neu gebaut, da die alte Hütte abgebrannt war. Die Hütte war riesig und hatte sogar Solarzellen auf dem Dach. Nachdem wir das Etappenziel schon am frühen Nachmittag erreicht hatten, haben wir und später noch zum nahegelegenen Bach aufgemacht, um doch Haare zu waschen. Am Schilfgras welches am Ufer wuchs, habe ich mir die Hände blutig geschnitten. Aber was tut man nicht alles für frisch gewachsene Haare?

 

Tag 4

Für den nächsten Tag war Regen angesagt und tatsächlich zogen am Morgen die ersten Wolken rein. Kurz bevor wir aufbrechen wollten, konnte ich ein Regenbogen durchs Fenster erspähen. Doch als dann meine Mutter in den Aufenthaltsraum kam, verkündete sie ganz besorgt, dass sie ihren Ehering nicht mehr finden könne. Den hätte sie entweder über Nacht verloren oder er wäre ihr vielleicht auch am Vortag schon vom Finger gerutscht. Sie war ganz aufgelöst. Wir suchten alle Taschen durch, den Schlafsack, die Jacken, einfach alles, und konnten den Ring nicht finden. Wir scherzten, ob Gollum sich wohl den Ring genommen hätte, um zu verhindern, dass ihn jemand im „Schicksalsberg“ vernichtet. Meine Mutter fand es natürlich nicht so lustig. Ich versuchte sie zu beruhigen. Während wir unsere Sachen zusammen packten, kam mein Vater freudig mit dem Ring in der Hand ins Zimmer. Als er im Schlafraum die Matratzen aufstellte, kam der Ring auf dem Lattenrost zum Vorschein. Der Tag war vorerst gerettet und wir konnten endlich los.

Anfangs kam die Sonne noch ein bisschen durch, aber der Regen lies nicht lange auf sich warten. Und was für ein Regen. Dauerregen für den Rest des Tages. Wir zogen die Regenjacken an, setzten unsere Kapuzen auf und zogen die Regencover über die Rucksäcke. Zusätzlich hatten wir unser Gepäck innerhalb der Rücksäcke in Plastiksäcke verpackt. Je länger wir wanderten, desto mehr Wasser lief das Gesicht hinunter, die Schuhe weichten langsam durch und auch die Hosen waren an den Oberschenkeln ganz nass. Die Anstrengung der letzten drei Tage war meinen Eltern deutlich anzusehen und so beschlossen Bene und ich, wegen des Regens, schneller vorauszulaufen. Der Regen wurde immer stärker und es fiel uns schwer auf die schöne Landschaft zu achten. Wir wollten nur noch zurück und konnten den Moment kaum erwarten, an dem wir endlich das Auto erreichen würden und trockene Kleidung anziehen könnten. Schließlich führte der Weg an einen kleinen Fluss. Der Weg ging auf der anderen Seite weiter, aber es gab keine Brücke, nur etwas größere Steine lagen im Wasser. Nun ja, wir waren ja schon ziemlich nass, also was soll’s? Waghalsig balancierten wir uns und unsere schweren Rucksäcke über den Strom. Es sollte nicht der letzte Fluss gewesen sein.

Als wir endlich an die Abzweigung zu den Taranaki Falls kamen, hatten wir keine Motivation mehr hinunter zu gehen, um sie uns aus der Nähe anzuschauen und begnügten uns mit dem Anblick von oben. Wir hatten sie zwei Jahre zuvor bei schönem Wetter schon einmal gesehen. Zudem war unsere Kamera durch die Feuchtigkeit auch ausgestiegen, sodass wir schnell weitermarschierten. Nach fünf Stunden wandern, erreichten wir am frühen Nachmittag endlich den Parkplatz, zogen uns um und plünderten die letzten Vorräte im Auto. Meinen Eltern fuhren wir bis an den Ortsrand von Whakapapa Village entgegen, soweit es eben ging. Sie trafen nur eine halbe Stunde nach uns ein.

 

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