Eine Woche nach dem Erdbeben

Es war Montagmorgen kurz nach 5 Uhr. Ich schlief friedlich in meinem Bett. Plötzlich klingelte das Telefon und riss mich unsanft aus dem Schlaf! Dank Benes galoppierendem Klingelton bekam ich beinahe einen Herzinfarkt. Was muss denn Schlimmes passiert sein, dass uns jemand mitten in der Nacht herausklingelt?

Es war Benes Familie. Es hätte ein Erdbeben in Neuseeland gegeben und sie hätten sich Sorgen gemacht. Ein Erdbeben? Ich hab nichts mitbekommen. Wird schon wieder nur so was Kleines gewesen sein. Aber, wenn ich Glück hätte, müsste ich nachher nicht zu Arbeit gehen!

Als ich eine Stunde später aufstand, schaute ich kurz im Internet nach. Das Erdbeben soll wohl bei Hamner Springs gewesen sein. Das ist noch nicht einmal auf der Nordinsel. Und deswegen habe ich am Morgen beinahe einen Herzinfarkt bekommen? Ich ärgerte mich, dass ich doch zur Arbeit musste, und machte mich auf den Weg.

Während der Fahrt lief im Radio nichts anderes mehr. Das Erdbeben musste wohl doch deutlich stärker gewesen sein, als ich zunächst annahm. Sie berichteten von zwei Toten und einer Stärke von 7.5 auf der Richterskala. Eine App auf meinem Handy schickte sogar eine Tsunamiwarnung raus.

Ein Kollege erzählte mir, dass er zur Zeit des Erdbebens, kurz nach Mitternacht, nicht schlafen konnte und die Türen seines Schranks anfingen zu klappern, erst leise und dann immer lauter. Sein erster Gedanke war ein Geist oder irgendein Tier. Ich glaube, er ist der einzige Mensch in ganz Neuseeland, der froh war, dass es sich doch als Erdbeben herausstellte.

Die Verkaufsmitarbeiter meiner Firma sendeten am Morgen Nachrichten zu ihren Kunden in den betroffenen Gebieten, um die Lage abzuschätzen. Anstatt froh zu sein, dass der Fabrik nichts passiert ist, fingen einige jedoch an meine Kollegen anzuschreien, warum die Lieferung am Morgen nicht angekommen war. Nun ja, vielleicht, weil etliche Straßen zerstört wurden und einige Städte von der Außenwelt abgeschnitten sind? Manche Leute sind echt unglaublich.

Im Laufe der Woche trudelten mehr und mehr Emails ein, beispielsweise von der deutschen Botschaft, der Bank oder dem Stromanbieter, dass man die Service Centre nur im äußersten Notfall anrufen soll, weil diese wegen des Erdbebens nicht vollständig besetzt wären. Zudem wurde ich von einer Unmenge von Leuten angeschrieben – per Email, Facebook und Skype – ob es uns gut ginge und wie die Lage sei. Auf der einen Seite regte ich mich innerlich ein bisschen darüber auf, dass die Medien in Deutschland wohl stark übertrieben hatten. Anders konnte ich mir nicht erklären, dass ich so viele Anfragen bekam, obwohl wir 650 Kilometer vom Epizentrum entfernt wohnen. Selbst Leute, die ich nur sehr entfernt kannte oder mit denen ich schon seit Monaten nicht mehr gesprochen hatte, schrieben mir. Auf der anderen war es aber auch rührend, dass sich so viele Menschen da draußen um mein Wohlergehen sorgen.

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Gegen Ende der Woche wurde berichtet, dass vier Kriegsschiffe, die zum 75. Jubiläum der Royal New Zealand Navy angereist waren (Hier geht’s zum Bericht), in Kaikoura angekommen waren, um dort bei der Versorgung der Einheimischen und der Evakuierung der Touristen mitzuhelfen. Dort flogen inzwischen so viele Hubschrauber hin und her, dass die Flugsicherung Standort auf dem Rugbyfeld beziehen musste, um den Flugverkehr zu regeln. Ein Convoi aus 27 Militärfahrzeugen soll es wohl nach einiger Verspätung schließlich auch nach Kaikoura geschafft haben. Bis die Straße für normale Fahrzeuge wieder freigegeben werden kann, wird wohl noch eine Weile vergehen.

Ein Foto von zwei Kühen und einem Kalb machte die Runde durchs Internet. Sie steckten auf einem kleinen Stück Weide fest, da rund herum das Land weggebrochen war und sie alleine von ihrer „Insel“ nicht mehr herunter kamen. Ich glaube, es sind inzwischen Neuseelands berühmteste Kühe. Sie wurden inzwischen gerettet.

Inmer wieder hörte ich von Tausenden von Pauas, die durch die Hebung des Meeresgrunds nun an Land wären. Knapp 300 Tierschützer und Umweltaktivisten wären inzwischen damit beschäftigt, die Schnecken mit der türkisgrün schimmernden Schale wieder ins Meer zu befördern. Ein paar Tage später sei das Ministerium aber dazugekommen und hätte diese Aktion untersagt, da unsachgemäßes Behandeln der Schnecken zu deren Tod führen würde, während sie an Land wohl deutlich größere Überlebenschancen hätten. So streiten sich die Leute hin und her und vergessen die eigentlichen Dramen rund um das Erdbeben.

img_0298 Bene war erst vor zwei Wochen in Christchurch gewesen und schaute sich dort an, inwieweit die Stadt nach dem schweren Erdbeben wieder aufgebaut sei. Dort sind selbst nach fünf Jahren die Schäden noch deutlich sichtbar, wie zum Beispiel hier an der großen Kathedrale in der Innenstadt. Das Erdbeben damals war zwar von der seismologischen Stärke her weit nicht so stark wie das von letzter Woche, verursachte aber deutlich mehr Sach- und Personenschäden, da das Epizentrum genau unter der großen Stadt lag.

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